Haarschafe züchten in Mittelhessen

Warum Schafe ohne Wolle züchten?

 

Schafe scheren kostet Arbeitszeit und ist Anstrengend, jedoch ist der Erlös aus dem Verkauf der Wolle lange nicht mehr kostendeckend, denn aus warmen Erdteilen wird feinere Wolle billigst nach Europa importiert. Dazu wird es immer schwieriger, überhaupt einen Schafscherer zu bekommen und die Schurkosten können bei bis zu 10,-€ je Tier liegen. Daher entscheiden sich immer mehr Schafhalter Haarschafe mit natürlichem Fellwechsel zu züchten, bei denen die Schafe im Frühjahr die Wolle von alleine abstoßen. Ob in kleinen Freizeithaltungen oder in der wirtschaftlich ausgerichten Schäferei, die Vorteile der Haarschafe sind offensichtlich.

 

Echt haarig

 

Haarschafe unterscheiden sich von Wollschafen durch die Beschaffenheit ihres Fells. Wollschafe tragen ein sehr dichtes, langes Wollvlies aus fein gekräuselten Wollhaaren. Ein solches Vlies enthält kaum Grannenhaare (lange Deckhaare). Deckhaare wachsen bei Wollschafen nur im Gesicht und auf den Unterbeinen. Haarschafe hingegen tragen eine Kurzhaardecke, bestehend aus Grannenhaaren mit einer Schicht feiner Unterwolle darunter. Im Sommer ist diese Kurzhaardecke glatt und ab Spätherbst wächst ein wolligwarmes Winterfell.

 

Auch ein wichtiger Unterschied zwischen Wollschafen und Haarschafen ist der Zyklus des Fellwechsels. Der Haarzyklus bei Haar- und Kurzwollschafen ist kurz und dauert nur wenige Monate. Sie weisen somit einen saisonalen Haar- bzw. Fellwechsel auf. Bei Feinwollschafen verläuft der Haarwechsel langsamer, der Zyklus kann bis zu mehreren Jahren betragen. Somit weisen diese keinen saisonalen Haar- bzw. Fellwechsel auf. Sommer- und Winterfell sind bei Schafen mit Haarkleid in unseren Breitengraden unterschiedlich und haben verschiedene Funktionen, damit sind Haarschafe sowohl bei Hitzestress wie in Frostperioden bestens ausgestattet. 

 

Die Schafwolle, welche auf der Wiese verbleibt, ist reich an Nährstoffen und eignet sich hervorragend zur organischen Langzeit-Düngung. Die abgeworfene Wolle enthält neben Stickstoff auch viele Mineralien. Diese Schafwolle schließt somit wieder den Nährstoffkreislauf auf der Weide.

 

Gene aktivieren = Dauerwelle verlieren 

 

Die Veranlagung zu Wollbildung ist Wollschafpopulationen, durch strenge Auslese, über Generationen angezüchtet. Laut Nolana-Züchtern kann man aus diesen Herden mit Leichtigkeit, mittels Einkreuzung mit Haarschafböcken in nur drei bis vier Kreuzungsgenerationen, eine Haarschafherde schaffen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass Schlachtlämmer und Mutterschafe keine Futterenergie in unnötiges Wachstum von Wolle vergeuden. Die Lämmer von Haarschafen können, anstatt Wolle zu schieben, die Energie gleich in Körperwachstum und Mutterschafe gleich in Milchleistung oder zur Regeneration nach der Lämmeraufzucht verwenden.

 

Herde reinrassiger Dorper–Schafe, Haarschaf-Zucht Dorperherde anno 2014

Meine Haarschaf-Herde, gezüchtet nur auf Grünland, Wiesen und Weiden

 

Im Marburger Land, mitten in Hessen, bewirtschafte ich einen Bauernhof mit Direktvermarktung. Dazu gehört auch eine Schafherde mit artgerechter, fast ganzjähriger Weidehaltung. Sie ernähren sich gesund, ausschliesßlich auf Grünland, von chemiefreien Wiesen und Weiden, deren Heu auch als Winterfutter verwendet wird. Die Tiere bekommen kein Kraftfutter und keine Wachstumsförderer. Die erzeugten Schlachtlämmer und auch adulte Tiere vermarkte ich geschlachtet und zerlegt über unseren Hofladen und auf Wochenmärkten. Dies ermöglicht einen stetigen züchterischen Fortschritt, da diese Herde einer kontinuierlichen Selektion unterliegt.

 

Schafe mit Haaren

 

Vor der Hofübergabe, an mich, war Merino die einzige Schafrasse bei uns. Seit dem Jahr 2012 halte ich nur noch Haarschafe mit natürlichem Wechsel von Winter- und Sommerfell. Meine Herde basierte auf Dorper-Schafen mit Herdbuchabstammung. Eine Herdbuchzucht wurde angestrebt und es kamen nur reinrassige Böcke mit Stammbaum zum Deckeinsatz. Jedoch beweide ich vorwiegend Wiesen mit weichen Lehmböden, auf denen sich die Dorperschafe ihre harten Klauen nicht stark genug abliefen. Das Resultat waren Fußprobleme mit häufigen Entzündungen und ich musste bis zu viermal jährlich die Klauen nachschneiden. Dies entsprach nicht meiner Vorstellung einer unkomplizierten und pflegeleichten Schafhaltung. Für Schafhalter ist die Zeitersparnis, die Kostenreduktion und der geringere Arbeitsaufwand bei Schafen mit natürlichem Fellwechsel, durch den Wegfall des Scherens, nur sinnvoll wenn, die freiwerdene Zeit nicht zur Behandlung anderer Problembereiche verwandt werden muss. Denn Veranlagung für Gerades und nicht zu festes Klauenhorn ist ausschlaggebend, um Tiere zu haben bei denen sich die Klauen auf natürliche Weise abnutzen.

 

Nolanas im Einsatz

 

Eher durch Zufall bekam ich zwei fuchsrote Nolana-Landschafe hinzu. Die Tiere entsprechen heute der Rasse Braunes Haarschaf und diese holten mir das Nolana-Projekt wieder in Erinnerung. Nolanas bekam ich im Zuge einer Weiterbildung in Echem im Jahr 2009 zu sehen. Diese waren jedoch wohl erst aus der F1- oder R1-Generation. Da sie zudem teils behornt waren, riefen diese bei mir damals keine wirkliche Begeisterung hervor. Doch meine beiden Nolana-Landschafe waren schon weiter: Kompletter Wollverlust und vor allem keine nennenswerten Überstände an den Klauenkanten, also auch keine Taschenbildung, die zu Fäulnis führen könnte. Allerdings waren sie vom Rahmen her um einiges größer als Dorper, dies empfinde ich bei Arbeiten an den Tieren und beim Schlachten als unhandlich. Außerdem ist bei großwüchsigen Tieren der Grundfutterbedarf höher als bei Kleinrahmigen, was sich negativ auf die Bilanz von erzeugtem Lammfleisch je Hektar Weidefläche auswirkt. Tendenziell waren Dorperlämmer nur mit Gras als Futtergrundlage recht vollfleischig. Um weiterhin muskulöse Lämmer mit nicht zu großem Rahmen zu erhalten und dennoch die Klauengesundheit zu fördern, kreuzte ich die Dorperschafe und deren Nachkommen mit Haarschafen anderer Rassen und seither sortiere ich Problemfälle rigoros aus.

 

Zunächst paarte ich mit Nolana-Fleischschaf-Böcken aus hervorragender Abstammung an, welche mittlerweile der Rasse Nolana entsprechen. Was mich bei diesen allerdings nicht überzeugte, ist die Ausrichtung vieler Zuchten auf hohe Lebendendgewichte, da ich hier nicht zwingend rasches Wachstum oder Muskelaufbau bei Lämmern gegeben sehe.

 

Genetische Diversität

 

Als ein Blutwechsel anstand, bekam ich einen Jungbock der Züchtung Exlana, dessen Mutter gedeckt aus England importiert wurde. Exlanas überzeugen auch wegen der zusätzlichen Selektion auf Wurmresistenz. Mittlerweile verpaare ich die Exlana-Nachkommen Inter-SE und verwende auch Böcke aus eigener Herkunft, mit dem Ziel einen homogen gefestigten Bestand zu erlangen. Um künftigen Importbeschränkungen von den britischen Inseln zuvor zu kommen und weiterhin genetisch breitgefächert aufgestellt zu sein, nahm ich sieben Mutterlämmer der Rasse EasyCare Schafe aus zwei verschiedenen Herkünften hinzu. Hier fehlen mir jedoch noch langfristige Leistungsaufzeichnungen, welche ich über jedes meiner Schafe führe, um den Zuchtwert abwägen zu können. Frei nach dem Motto englischer Exlana-Züchter: Genetik statt Kosmetik.

 

 

Alex Müller im August 2020

 

Haarschafe gezüchtet in Mittelhessen Haarschaf-Herde anno 2019

 

In Deutschland anerkannte Schafrassen mit Kurzwolle oder natürlichem Fellwechsel:

 

Kamerun
Soayschaf 
Dorperschaf
Wiltshire-Horn
Nolana
Braunes Haarschaf

 

weitere Haarschafzuchten mit natürlichem Fellwechsel in Europa: 

 

Barbados Blackbelly (D)

Santa Inês - Schafe (als Rückzüchtung in Deutschland)

EasyCare (GB)
Exlana (GB)
Pelibuey-Schafe (Teneriffa)
Ruischaap (NL)

Hellweg Steinschaf (Heidelbergzement in D)

 

Für Fragen oder Anregungen bitte unter info@haarschafe.de eine kurze Nachricht.

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